BEGRIFFE
Im Projekt ViGeB*ist es uns ein Anliegen, unterschiedliche Lebensrealitäten von trans* Männern, trans* Frauen, nicht-binären und inter* Personen differenziert zu erforschen, um deren spezifische Barrieren und Belastungsfaktoren sichtbar zu machen. Wir verstehen trans* als Oberbegriff für verschiedene Selbstbezeichnungen, auch wenn die wissenschaftliche Auswertung im Projekt ViGeB* nach trans*-Männern, trans*-Frauen und nicht-binären Personen erfolgt.
Uns ist bewusst, dass die Begriffsauswahl nicht das gesamte Spektrum möglicher Geschlechtsidentitäten abdeckt. Wir arbeiten daher methodisch mit begrifflichen Differenzierungen:
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Quellen:
APA - American Psychological Association. (2015). Guidelines for psychological practice with transgender and gender nonconforming people. American psychologist, 70(9), 832-864.
Ghattas, D. C., Kromminga, I. A., Matthigack, E. B. Mosel, E. T. et al. (2015). Inter* & Sprache. Von “Angeboren” bis “Zwitter”. Verfügbar unter: chrome-extension://efaidnbmnnnibpcajpcglclefindmkaj/https://oiigermany.org/wp-content/uploads/InterUndSprache_A_Z.pdf (abgerufen am 20.10.2025)
Hughes, I. A., Houk, C., Ahmed, S. F., Lee, P. A., & Society, L. W. P. E. (2006). Consensus statement on management of intersex disorders. Journal of pediatric urology, 2(3), 148-162.
Mayer, K. H., Bradford, J. B., Makadon, H. J., Stall, R., Goldhammer, H., & Landers, S. (2008). Sexual and gender minority health: what we know and what needs to be done. American journal of public health, 98(6), 989-995.
Köllen, T., & Rumens, N. (2022). Challenging cisnormativity, gender binarism and sex binarism in management research: foregrounding the workplace experiences of trans* and intersex people. Gender in Management: An International Journal, 37(6), 701-715.
Saalfeld, R. K. (2020). Gesundheit für alle?! Zur psychischen Belastung von inter- und transgeschlechtlichen Menschen. Journal des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW, (47), Universität Duisburg-Essen, Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW.
§ 2 Abs. 1 SGB IX (Link) definiert Behinderung und Schwerbehinderung wie folgt:
(1) Menschen mit Behinderungen sind Menschen, die körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, die sie in Wechselwirkung mit einstellungs- und umweltbedingten Barrieren an der gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate hindern können. Eine Beeinträchtigung nach Satz 1 liegt vor, wenn der Körper- und Gesundheitszustand von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht. Menschen sind von Behinderung bedroht, wenn eine Beeinträchtigung nach Satz 1 zu erwarten ist.
(2) Menschen sind im Sinne des Teils 3 schwerbehindert, wenn bei ihnen ein Grad der Behinderung von wenigstens 50 vorliegt und sie ihren Wohnsitz, ihren gewöhnlichen Aufenthalt oder ihre Beschäftigung auf einem Arbeitsplatz im Sinne des § 156 rechtmäßig im Geltungsbereich dieses Gesetzbuches haben.
(3) Schwerbehinderten Menschen gleichgestellt werden sollen Menschen mit Behinderungen mit einem Grad der Behinderung von weniger als 50, aber wenigstens 30, bei denen die übrigen Voraussetzungen des Absatzes 2 vorliegen, wenn sie infolge ihrer Behinderung ohne die Gleichstellung einen geeigneten Arbeitsplatz im Sinne des § 156 nicht erlangen oder nicht behalten können (gleichgestellte behinderte Menschen).
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Damit wird deutlich, dass Behinderung einerseits ein sozial konstruiertes Phänomen, das aus der Wechselwirkung zwischen individuellen psychischen Unterschieden (z. B. Depression) und gesellschaftlichen Barrieren (z. B. strukturelle Barrieren) entsteht (Price, 2013). Andererseits ist erkennbar, dass eine gewisse normierte Kategorisierung und damit eine begriffliche Festschreibung erforderlich sind, um Menschen, die einen höheren Unterstützungsbedarf haben, auch die Unterstützung zu ermöglichen, die sie brauchen.
Wir möchten im Projekt ViGeB* dieses Spannungsfeld bewusst anerkennen und aufgreifen.
Quellen:
Price, M. (2013). Defining mental disability. The disability studies reader, 4, 292-299.
Der Begriff Intersektionalität geht auf die US-amerikanische Juristin Kimberlé Crenshaw zurück, die anhand einer kritischen Fallanalyse die spezifische Diskriminierung Schwarzer Frauen sichtbar machte. So wurde in Fällen rassistischer Diskriminierung die Diskriminierung tendenziell in Hinblick auf Schwarze betrachtet, die durch Geschlecht oder soziale Herkunft privilegiert sind (z. B. Schwarze Männer). In Fällen von Diskriminierung aufgrund des Geschlechts liegt der Fokus dagegen auf Frauen, die z. B. durch Hautfarbe und soziale Herkunft privilegiert sind (z. B. Weiße Frauen) (Crenshaw, 1989).
Intersektionalität beschreibt die Überschneidung mehrerer sozial konstruierter Kategorien (z. B. Geschlecht, sexuelle Orientierung, sozioökonomischer Status), die sich in miteinander verflochtenen Systemen von Privilegien und Unterdrückung auf sozialstruktureller Ebene ausdrücken (Bowleg, 2012).
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Im Projekt ViGeB* erfährt Intersektionalität an den Stellen Bedeutung, wo Menschen spezifische Nachteile erfahren, die dadurch zustande kommen, dass gleichzeitig Barrieren bestehen für Menschen mit Behinderungen und Menschen, die sich einer geschlechtlichen Minderheit zuordnen.
Quellen:
Bowleg, L. (2012). The problem with the phrase women and minorities: intersectionality—an important theoretical framework for public health. American journal of public health, 102(7), 1267-1273.
Crenshaw, K. (1989). Demarginalizing the intersection of race and sex: A Black feminist critique of antidiscrimination doctrine, feminist theory and antiracist politics. University of Chicago Legal Forum, 1989(1), 139–167.
Im Minority Stress Model von Meyer (2003; 2015) findet sich dieser Ansatz wieder. Das Modell zeigt, dass Menschen mit Minderheitenstatus neben allgemeinen Stressfaktoren (general stressors) auch spezifischen Minderheitenstress erleben. Dieser kann sich entweder in distalen Stressfaktoren, wie z. B. explizite Diskriminierungserfahrungen oder Gewalt, oder proximalen Stressfaktoren, wie z. B. erwartete Diskriminierung oder das Verheimlichen der eigenen Identität, ausdrücken. Das Vorhandensein mehrerer und spezifischer Quellen für Stress führt dann dazu, dass sich dies negativ auf die psychische Gesundheit (mental health) auswirkt. Entsprechend ist anzunehmen, dass die Identifikation mit mehreren Minderheiten auch mehrere Quellen für Stress hervorbringt, die sich noch stärker auf die psychische Gesundheit auswirken.
Hilfreich und förderlich für die psychische Gesundheit hingegen wirken sich insbesondere individuelle Bewältigungsstrategien und soziale Unterstützung aus dem Umfeld aus.
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Quellen:
Meyer, I. H. (2003). Prejudice, social stress, and mental health in lesbian, gay, and bisexual populations: conceptual issues and research evidence. Psychological bulletin, 129(5), 674.
Meyer, I. H. (2015). Resilience in the study of minority stress and health of sexual and gender minorities. Psychology of Sexual Orientation and Gender Diversity, 2(3), 209–213.

